Vom Usambara-Veilchen haben die meisten wahrscheinlich schon mal gehört. Wo ihr Namensgeber und Herkunftsgebiet zu verorten ist, wissen sicher die wenigsten. Der Blumen zuliebe bin ich allerdings nicht in die Usambaraberge gekommen, sondern zum Wandern, zum Erfrischen und Ausspannen – und auch wegen der deutschen Vergangenheit der Gegend, die im Nordosten Tansanias zwischen Kilimandscharo und Küste liegt.

Von Tanga aus haben wir ein Taxi gechartert. Nach gut drei Stunden auf der großen Verbindungsstraße nach Moschi und Aruscha gelangen wir nach Mombo. Hier verlassen wir die Überlandstraße, biegen rechts ab und rauf geht es in die Berge. Die Bergstraße gen Lushoto, dem früheren Wilhelmstal, ist klein und schmal, aber solide. Sie ist so schwach befahren, dass man jedoch nicht vermuten würde, ein dicht besiedeltes Gebiet anzusteuern. Wir gewinnen rasch an Höhe, ebenso schnell kühlt sich die Luft ab. Wir können die Fenster öffnen und die Klimaanlage ausstellen. Bald allerdings müssen wir sie wieder schließen. Es regnet, wir fahren durch die Wolken hindurch. Ich ahne Schlimmes für die nächsten Tage, schließlich ist Regenzeit. Genauso flott zieht es aber erneut auf.

Zum Glück ist trotz Wolken die Felskante gut sichtbar – hier geht es mehrere Hundert Meter bergab.

Beste Sicht

Sonnige, ja betörende Aussichten haben wir auch von unserer Herberge aus: Wir sind in der Irente View Cliff Lodge untergekommen – und diese steht, wie der Name nahelegt, an der Irente View. Dorthin zieht es uns auch gleich nach der Ankunft – im schönsten Sonnenuntergangslicht, das auch nicht durch den hochziehenden Nebel und die Wolken getrübt wird. Im Gegenteil: Erst dadurch erhält die Stimmung ihren Reiz. Jede Minute ändert sich die Atmosphäre. Erst ist es diesig, Nebelschwaden steigen durch die Täler hinauf. Wo ist eigentlich der berühmte Felsen, der Kambe-Peak, der auf allen Fotos drauf ist? Wir sollten nicht zu nah an die Kante treten (die man sie zum Glück noch sieht). Von dort aus geht es einige Hundert Meter steil hinab.

Gleich aber haben wir wieder den Überblick. Die Wolken reißen auf, aber nur soweit, dass sie noch „Fotoreiz“ verströmen und nicht etwa langweilig-blauem Himmel Platz machen. Und so wird es in den nächsten Tagen bleiben: Wann immer wir am Aussichtspunkt sind (2.000 Schilling pro Person, die man jedes Mal berappen muss), ist das Licht verschieden, strahlt die Sonne anders und haben sich natürlich die Wolken völlig neu geordnet und geschleiert. Jeden Tag scheint die Dramatik zuzunehmen, das Abendrot heftiger zu leuchten – und ist der Rundblick ins weite Tal, auf die umliegenden Berge, die Überlandstraße und den Kambe-Felsen heute nicht noch schöner? 

Aufziehender Nebel ändert die Stimmung im Minutentakt.

Die billigsten Zimmer haben die beste Sicht

Dabei kann ich mich kaum entscheiden, von wo aus ich das Schauspiel genieße. Direkt von der Lodge aus gibt es ebenfalls herrliche – und vor allem auch abweichende – Blicke auf die Szenerie. Oder vom Parkplatz vorm Hotel, wo zwar einige Bäume im Weg stehen – die jedoch gerade ihren Reiz haben, wenn die Dämmerung durch sie hindurchscheint. Wer ihnen entgehen möchte, geht ein, zweihundert Meter hinab in die Siedlung und findet nach einigem Suchen vor einem winzigen Salon den besten, weil völlig freie Aussicht. Eine weitere Möglichkeit, und einer meiner Lieblingsplätze in den kommenden Tagen, bietet sich auf einer Terrasse gleich rechts vom Eingang. Hier steht ein Tisch mit Strohdach, sodass ich den ganzen Tag den Blick ins Tal schweifen lassen kann. Wunderbar ist auch der herrlich-altmodische Konferenzraum, der kaum frequentiert wird, aber jede Tagung nur wegen des Panoramas und seiner riesigen Fensterfront beflügeln würde. Wer all diese, nicht vollzähligen Standorte mit den Tageszeiten und verschiedenen Lichtstimmungen kombiniert – der kann Monate bleiben und allein von Irente aus täglich neue Eindrücke und Fotoausbeute sammeln. Übrigens verfügt ausgerechnet die günstigste Zimmerkategorie über die beste Aussicht.

Einer der besten Aussichtspunkte in Irente – und kostenlos: der Hotelparkplatz.

In den nächsten Tagen geht es weiter.