Die Grenze von Kenia nach Tansania zu überqueren, ist kein großes Abenteuer. Doch unkompliziert wie mit dem Flugzeug, etwa von Mombasa nach Sansibar – inklusive dem überschaubaren amtlichen Prozedere –, ist es beileibe nicht. Es ist meine erste grenzüberschreitende Landpassage in Afrika seit Langem. Vor allem aber muss ich mir noch ein Transportmittel organisieren: Ich verfüge über kein eigenes Auto und auf afrikanische Busse habe ich seit meinen rückenschädigenden Reisen anno 2010 keine Lust mehr habe – trotz durchaus komfortabler und günstiger Angebote etwa von Tawakal, Tameed oder Modern Coast für nur 1.200 Kenianischen Schilling (knapp zehn Euro). Außerdem will ich von Tür zu Tür reisen.

Verhandlungen mit fünf Taxifahrern: Preise von 131 bis 400 Euro

Die Aufgabenstellung: Ich mache Urlaub am Diani Beach in Ukunda südlich von Mombasa und von dort aus möchte ich weiter nach Tanga, der nördlichsten Stadt an der Küste Tansanias. 144 Kilometer, ein funktionierender Grenzübergang, halbwegs befreundete Staaten, das kann doch nicht so schwer sein, denke ich mir.

Schwer sind aber zunächst die Preisverhandlungen. Mit kenianischen Taxifahrern bin ich erfahren. Meistens gehen die Preisdiskussionen schnell und einvernehmlich über die Bühne – diesmal aber nicht. 45.000 Schilling ruft einer auf, der mir sonst gute Preise bietet, wenn er mich von Ukunda nach Mombasa fährt. Das sind knapp 400 Euro. Dafür könnte ich auch fliegen, zwar nicht nach Tanga, aber nach Europa und auch fast zurück. Ich frage ihn, ob er vielleicht eine Null zu viel in die Tasten getippt hat? Nein, hat er nicht.

Parallel wende ich mich an einen tansanischen Fahrer, den mir ein Freund empfohlen hat. Er könne mich in Ukunda abholen und mit mir nach Tanga zurückfahren. 400.000 Schilling vermeldet er – allerdings Tansanische Schilling, was knapp 150 Euro entspricht. Schon viel besser, aber angesichts von 144 Kilometern immer noch übertrieben. Für dieselbe Strecke innerhalb Kenias, etwa Malindi-Mombasa habe ich schon 5.500 Kenianische Schilling gezahlt, knapp 48 Euro. Warum sollte es plötzlich das Dreifache kosten? 

Was gibt es für einen Mehraufwand beim Grenzübertritt, frage ich die Fahrer. Sie kommen mit allerlei Sachen, die ich nicht so ganz verstehe, sich aber im Wesentlichen um „Papierkram“ und „Versicherung“ drehen. Versicherung ist nachvollziehbar ich und frage nach dem Preis. 2.000 bis 3.000 Schilling soll diese für Tansania kosten (18 bis 27 Euro) oder eben umgekehrt für tansanische Fahrer. Alles klar, das wären insgesamt 8.000 oder höchstens 9.000 Kenianische Schilling. Mehr erscheint mir nicht gerechtfertigt.

Facebook und Uber

Ich starte eine Umfrage in meiner Kenia-Facebook-Gruppe, frage dort nach Taxifahrern und einer Bestätigung für die administrativen Formalitäten, zu denen noch die tansanische Anforderung nach einer Gelbfieberimpfung gehört. Die muss man ohnehin zehn Tage vorher haben, damit sie wirkt– und sie ist eine Voraussetzung dafür, dass ich den Fahrer überhaupt nehme.

Auf Facebook wird mir ein Chauffeur empfohlen, und ich solle es auch mal mit Uber versuchen. Letzteres hatte ich in Diani noch nicht probiert. Es ist dort – anders als in Mombasa und Nairobi – nicht üblich. Ich gebe bei Uber, obwohl ich erst am nächsten Tag fahren möchte, die Strecke Ukunda-Tanga an. Sogleich wird ein Auto angezeigt und dies noch für unglaubliche 5.500 Schilling, als ob Uber meinen Traumpreis kennt. Bei den heutigen, von künstlicher Intelligenz gesteuerten Algorithmen würde es mich nicht wundern. Ich bestätige die Fahrtanfrage, um mit dem Uber-Mann Kontakt aufnehmen zu können und rufe ihn an. Er sei generell verfügbar, aber nicht für diesen Preis – was mich wenig überrascht. Er führt 18.000 Schilling ins Feld und hätte am kommenden Tag Zeit. 

„Alles inklusive? Papierkram, Versicherung und Gelbfieberimpfung?“

„Ja!“

Der 45.000 KES-Fahrer geht auf 35.000 Kenianische Schilling runter. Gut, dafür gibt es immerhin einen Flug nach Europa.

Der mir auf Facebook Empfohlene vermerkt 15.000 Kenianische Schilling, allerdings kommen für Versicherung 3.000 und irgendeine Gebühr für das „Hinterlegen von Fahrzeugpapieren“ noch oben drauf.

„Uber“ geht auf 15.000 Kenianische Schilling, und zwar für alles, als ich ihn nach dem „letzten Preis“ frage. Gleiches sagt mir ein anderer Taxifahrer, mit dem ich nur gute Erfahrungen gemacht habe. Der Tansanier geht auf 350.000 Tansanische Schilling runter, etwa 134 Euro, während die 15.000 der zwei Kenianer 131 Euro bedeuten. Damit bin ich am Ende der Rückwärtsauktion angelangt. Mehr Reduktion scheint nicht drin zu sein, obwohl 144 Kilometer hier wie da dasselbe sind, plus natürlich die 2.000 oder 3.000 Schilling für die Versicherung. Bevor ich alles festklopfe, meldet sich der Facebook-Fahrer nochmal: Mit dem Preis könne er nicht runtergehen, aber er würde mich gern treffen. Dann könne ich sein Auto sehen – einen 7-sitzigen Van, modern, mit Wifi bis zu Grenze. Ok, nicht ganz irrelevant, aber die anderen Autos sind auch prima und Wifi habe ich selbst. Und das auch nur bis zur Grenze.

John fährt uns schließlich für 15.000 Schilling nach Tanga.

Ich nehme einen der beiden 15.000er, sage dem Zweiten ab, der mich plötzlich anfleht, ihm einen niedrigeren Preis nennen: „Ich brauche den Job!“ Kann ich verstehen, aber ich schon zugesagt und ich möchte mich am letzten Abend am Diani-Beach noch weiteren Dinge hingeben.

Kula Hongo

Pünktlich 11 Uhr ist der über Uber-Fahrer am Hotel. Allerdings sind sie zu zweit. Der, mit dem ich „via Uber“ gesprochen habe, war der Agent und steigt in wenigen Minuten aus. Der andere fährt. Sollte ich vielleicht, wo wir alle noch zusammen sind, kurz den gestern ausgehandelten Fahrpreis erwähnen, inklusive alles? Ich spare es mir und der Agent verlässt uns.

Von Ukunda geht es auf guter Straße bis zur Grenze, der Verkehr wird immer spärlicher. Zuckerrohr-Plantagen und überraschend üppiges, geradezu liebliches Buschland säumen den Weg.

„16.000 zahlst Du, oder?“, fragt mich der Fahrer plötzlich.

„Nein, 15.000 waren abgemacht“.

„Oh, ich weiß nur von 16.000.“

„Dann ruf einfach den Agenten an, der wird es Dir bestätigen.“

Der sagt am Telefon auch nur: „16.000.“

„Ok, dann halt an. Entweder es sind die vereinbarten 15.000 oder Du bringst mich zum Hotel zurück.“

„Ok, ok, kein Stress“, sagt der Fahrer und fährt weiter. „Es ist mein Auto. Wichtig ist nur, dass der Agent weiß, dass ich nur 15.000 von Dir erhalte – für seinen Anteil.“

„Alles klar, gut so.“

„Beim nächsten Mal fährst Du am besten gleich mit mir. Dann ersparen wir uns die Provision für den Vermittler – und einen günstigeren Preis habe ich auch für Dich.“

Letzteres hatte ich mir schon gedacht. Auf ein nächstes Mal!

Wir kommen zügig durch, es gibt kaum Verkehr. Liegt es daran, dass es ein Sonnabend ist? Unterbrochen wird die Reise nur von einer Straßensperre (private Zahlstation) kenianischer Polizisten. Es werden Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, die im obligatorischen Handschlag enden, bei dem akrobatisch geschickt und nur für den Eingeweihten sichtbar die üblichen 100 Schilling (knapp 90 Cent) den Besitzer wechseln. „Kula Hongo, Schmiergeld essen“, wie der Kenianer sagt.

Bald sind wir in Lunga Lungaund erreichen den kenianischen Grenzposten. Zweimal müssen wir aus irgendwelchen Sackgassen wieder herausrangieren, weil die Linienführung für die Autos offenbar permanent neu geordnet wird, dann sind wir an einem hallenartigen Gebäude. Darin findet alles statt, was das Bürokratenherz begehrt: Zoll, Passkontrolle, Veterinärgeschichten, Lebensmittelangelegenheiten, die „Fahrzeugpapiersachen“, Autoversicherungen – und damit ist die Aufzählung sicherlich nicht vollständig. 

Meine Begleitung, der Fahrer und ich gehen durch eine Sicherheitskontrolle hinein. Zuerst müssen wir am Gesundheitsschalter der Ports Authority unsere Impfpässe mit der Gelbfieberimpfung vorzeigen – obgleich sie erst von Tansania bei der Einreise verlangt werden. Gut, aber vielleicht möchte man vermeiden, dass jemand sie nicht hat, vom Nachbarstaat zurückgewiesen, aus irgendeinem Grund die Wiedereinreise verweigert wird und man im Niemandsland versauert.

Formalitäten und Telefonnummern

Unser Fahrer allerdings hat seinen Impfpass verlegt. Er hat zwar eine Impfung, aber konnte den Pass nicht finden. Das hatte er uns bereits vorher gesagt – und auch, dass er sich an der Grenze impfen lassen kann. Obwohl die Immunisierung zehn Tage benötigt, um wirksam zu werden? Na gut, er weiß es sicher besser – und so wird er von einem „Helfer“ am Ende auch so durchgeschleust, wie er uns später erzählt. Wahrscheinlich mit Kula Hongo. Außerdem hat er keinen Reisepass dabei und muss sich einen Provisorischen von den kenianischen Autoritäten ausstellen lassen.

Meine Begleitung und ich stehen da schon am Passschalter. Die Beamtin braucht etwas Zeit, angesichts meiner vielen Keniareisen in meinem Pass das aktuelle Visum zu finden. Sie muss blättern und als sie es sieht, erinnert mich die Dame daran, dass die Aufenthaltserlaubnis nur einen Monat gültig ist. Obwohl ich 35 Tage insgesamt bleiben wollte und alle Daten korrekt in die Formulare am Flughafen in Mombasa eingetragen hatte. Unter der Aufenthaltserlaubnis steht fett gedruckt „90 Tage“. Doch handschriftlich und für mich völlig unleserlich ist das Visum auf „1 Monat“ limitiert worden, wie es derzeit offenbar standardmäßig stattfindet. Gut, dass ich heute bereits an einer Grenzstation bin. Wäre ich am 24. April einfach am Flughafen erschienen, wäre ich vier, fünf Tage überfällig gewesen – und kurz vorm Abflug meiner Maschine hätte dies wohl nur mit „kula hongo“ aufgelöst werden können.

Noch habe ich aber nichts verkehrt gemacht und so bin ich fertig. Doch wir müssen eine halbe Stunde auf unserem Fahrer warten, der mit dem tansanischen Helfer/Versicherungsmann die fahrzeugtechnischen Angelegenheiten klärt – was auch immer es sein mag. Am Ende sind nach Aussage unseres Fahrers die einzigen Zusatzkosten 2.000 Kenianische Schilling für eine Versicherung, die zwei Wochen gültig ist.

Wir hatten solange vor der Tür auf ihn gewartet. Unterdessen kommt nur ein weiteres Privatauto mit einer arabischen Großfamilie an, die – anders als wir – ihr Gepäck mit reinbringen muss. Auch erreichen in kurzen Abstand zwei Busse aus Tansania die Grenze, Tameed und Modern Coast. Die Fahrer parken ihre Fahrzeuge, während die Passagiere von der tansanischen Station aus laufen.

Nach 45 Minuten sind wir fertig und fahren die 200 bis 300 Meter von Lunga Lungabis zur tansanischen Station, deren dazugehöriger Ort sich Hora Horanennt. Dort müssen wir unsere Taschen reinnehmen. Ganz zuerst heißt es allerdings: „Die Impfpässe bitte!“ und darauf erst geht es durch die Sicherheitsschleuse ins Gebäude. 

In einem Büro muss ich ein tansanisches Visum beantragen und mit den fast identischen Daten auf der Rückseite das Einreiseformularausfüllen (wie überall in Afrika, auch in Kenia), inklusive meiner Telefonnummer. Ich unterhalte mich auf Kisuaheli mit dem Beamten. „Wie möchten Sie zahlen? 50 Dollar oder 50 Euro? Das ist ein merkwürdiger Umtauschkurs. Dollar wäre günstiger, die habe ich aber nicht. Aber ich könne auch mit 6.000 Kenianischen Schilling bezahlen, was noch teurer als 50 Euro wäre, die ich schließlich entrichte.

Der Beamte gibt meine Papiere einem zweiten Beamten, der mit mir in die Halle zu den Grenzschaltern geht. Jene Reisende, die kein Visum benötigen, werden rasch abgefertigt. Ich muss in einen rückwärtigen Raum, wo bereits zwei Britinnen auf ihre Abfertigung warten. 

Am Flughafen dauert diese Prozedur meist zwei Minuten. Hier aber schäkert und scherzt der Staatdiener erst einmal mit den beiden Damen herum, die ebenfalls Kisuaheli sprechen. Obwohl oder vielleicht gerade weil sie ihn so gut verstehen, zieht es sich jeweils zehn Minuten hin. Erst dann komme ich an die Reihe und auch für mich hat er ein paar nette Wörter parat, wenn auch nicht flirttechnischer Natur: „Sagt man jetzt schon ‚Guten Abend’?“, fragt er mich, mit „Guten Abend“ auf Deutsch.

Ich schaue auf die Uhr. So genau habe ich mir dazu nie richtig Gedanken gemacht. Sicher gibt es dazu feste Uhrzeitregeln. „14.15 Uhr ist aber noch zu früh“, sage ich ihm, also „Guten Tag.“

Vorbildlich ausgebaute Straßen (in diesem Fall von den USA gesponsert) führen rasch zum Ziel.

Emsig hackt der Beamte meine Daten in sein System, nimmt ein Foto und Fingerabdrücke von mir und druckt daraufhin das Visum aus, das er in meinen Pass klebt. Nach einer halben Stunde bin ich draußen, diesmal wartet der Fahrer auf mich. 

Wir starten, doch bevor wir die Grenzanlage verlassen, muss unser Chauffeur noch seine Autopapiere vorzeigen, dann öffnet sich nach etwa anderthalb Stunden das Tor. Wir fahren durch Hora Hora und erreichen rasch eine sehr gut ausgebaute und bestens beschilderte Straße, die vom „amerikanischen Volk“ spendiert wurde, wie zwei Schilder am Anfang und am Ende der Strecke kurz vor Tanga verkünden. 

Von Amts wegen: Anmache auf tansanisch

Nach weiteren anderthalb Stunden sind wir in der Hafenstadt. Damit allerdings ist die Reise noch nicht ganz vorbei. In den nächsten Tagen wird meine Begleitung mit Anmachen per WhatsApp bombardiert. Auch sie musste an der Grenze ihre Telefonnummer angeben – und wird seitdem von dem Grenzbeamten, der ihr den Einreisestempel verpasst hat, mit romantischen Nachrichten behelligt, die bis zu Liebesbekundungen reichen. Mit „Wie geht’s?“ und „Angekommen?“ fängt es an und es steigert sich bis hin zu „Gelobt sei Gott, der Dich so geschaffen hat, wie Du bist. Ich will nicht um den heißen Brei herumreden: Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ich Dich liebe“. Auch eine Woche später schreibt er trotz spärlicher bis keiner Antworten hartnäckig und schickt sogar Audionachrichten. „Schöne Fotos“ erbittet er auch. Wir hoffen, er lässt uns auf dem Rückweg wieder durch. 

Der tansanische Sicherheitsmann vom Durchleuchten unseres Gepäcks meldet sich auch. Er wiederum hat die Nummer wohl von jenem tansanischen Helfer, der zwar nicht im offiziellen, doch zumindest in offiziösem Auftrag als Versicherungsagent unterwegs war und sich ebenfalls bei meiner Freundin in Erinnerung ruft. Dieser hatte die Kontaktdaten von unserem Fahrer erhalten, vielleicht als Entlohnung für seine wie geschmiert gelaufenen Leistungen.

Liebestoller Staatsdiener: der tansanische Grenzbeamte belästigt meine Begleitung noch Tage später mit zweifelhaften Botschaften.