Auf dem Finowkanal: von Zerpenschleuse bis Grafenbrücker Schleuse und zurück

Finowkanal, 10. August 2019. Der Handyempfang hat sich verabschiedet, zumindest wenn man o2-Kunde ist und sich gerade in Zerpenschleuse befindet, knapp 45 Minuten nördlich von Berlin. Bevor wir in See stechen, wollte ich meinen Lieben in nah und fern noch einen Fotogruß vom Finowkanal senden. Aber er wird die kommenden Stunden niemanden erreichen. Die übrige Infrastruktur hier ist dagegen wunderbar in Schuss und nagelneu: Die zweiseitige Einsatzstelle für Kanus; die blaue Zugbrücke, die uns gleich zur Ankunft mit einem Klappvorgang begeistert, und die moderne Schleuse nebenan. Schleusen werden wir ohnehin heute mehr als genug durchfahren. Alle paar Kilometer regulieren sie das Gefälle des Kanals – und begrenzen den Aktionsradius unserer Ein-Tagestour. Denn die letzte Schleusung – alles mit bemanntem Service, kein Selbstbetrieb – findet jeweils 16.45 Uhr statt.

Es ist ein warmer, wolkenreicher Tag, 28 Grad. Mein Freund Steffen und ich wollen heute mit dessen Faltboot Pouch RZ85 Exquisit von Zerpenschleuse aus den Finowkanal „bergab“, fahren. Drei, vier Schleusen und dann wieder zurück. Wir lassen es zwar gemütlich angehen, unweigerlich müssen wir aber kurz vor fünf die letzte Schleuse passiert haben. Und so wird der Tag eine Mischung aus Idylle und Blick auf die Uhr.

11.30 Uhr fahren wir am „Langen Trödel“ los, wie man diesen Teil des Kanals nennt. Postkartenmotive ziehen an uns vorbei: die erst vor einigen Jahren errichtete Klappbrücke; Stege, manche davon als Terrasse; am Ufer liegen Kähne und ein noch verwaistes Café. Eine Männerrunde feiert auf einem privaten Straßenfest mit Bierbude und Spanferkel am Spieß.

Nach 15 Minuten erreichen wir die 2015 erbaute Schleuse. Sie heißt nicht, wie man annehmen würde, „Zerpenschleuse“, sondern „Schleuse Zerpenschleuse“. Die einst namensgebende Anlage hat also nun vom Ort ihren Namen erhalten. Bei zwei Sprachen würde man wohl von einer Rückübersetzung sprechen. 

Modern und funktional: Die neue „Schleuse Zerpenschleuse“.

Die Tore, Kanten und einiges Gestänge der Schleuse sind in Blau gehalten, fast wie unser Boot. Die Signale allerdings stehen auf Rot, die Tore sind zu. Wir sind etwas unsicher. Wird uns der Schleusenwärter aus der Entfernung erkennen? Muss man irgendwo klingeln? Zwar sind wir erfahrene Paddler, aber solch großräumige Schleusenanlagen hatten wir schon lange nicht mehr auf dem Programm. Wir halten an den vorgesehenen Haltevorrichtungen, öffnen das erste Bier – und bald springt die Ampel auf Grün. Zusammen mit einem kleinen Motorboot erleben wir die erste Schleusung hinab.

Der Finowkanal gilt als ältester noch befahrbarer Kanal Deutschlands. 42 Kilometer lang verbindet er die Havelgewässer mit der Oder. Die erste Durchfahrt gelang 1746 mit einem Schiff, das 100 Tonnen Salz geladen hatte. Wir haben heute nur acht Bier, ein Glas Soljanka und ein paar Würstchen an Bord. Der Kanal war eine wichtige Verkehrsader für die Region und versorgte vor allem das wachsende Berlin mit Baumaterial. 1906 noch wurden jährlich 2,6 Millionen Tonnen Güter verschifft, plus 50.000 Stämme Holz. Doch kurze Zeit später löste der 1914 erbaute Oder-Havel-Kanal die Wasserstraße ab. Sie verfiel, und die Natur holte sich das Terrain zurück. Erst seit 1998 ist der Finowkanal auf weiten Strecken und seit 2016 wieder vollständig befahrbar. Die moderne „Schleuse Zerpenschleuse“, zwischendurch sogar zugeschüttet, und zwölf von Hand gesteuerte Wehranlagen bringen das Wasser geordnet bis zur Oder hinunter. Letztere werden vom Verein „Kommunale Arbeitsgemeinschaft Region Finowkanal“ betrieben. Allerdings sind die Schleusenwärter nicht ehrenamtlich tätig, wie wir anfangs denken und uns schon ob ihres Wochenend-Engagements wundern. Vielmehr sind es Langzeitarbeitslose, die auf Basis von Fördergeldern arbeiten. Sinnvoll angelegtes Steuergeld.

Wir kreuzen den Oder-Havel-Kanal

Kurz nach der „Schleuse Zerpenschleuse“ kreuzen wir den Oder-Havel-Kanal, eine schnurgerade und somit aus Paddlersicht recht langweilige Wasserstraße. Die Freizeitschipper sind daher auf dem Finowkanal unterwegs. Deren Boote können allerdings auch Privatjachtgröße haben, sofern der Tiefgang im Rahmen bleibt. Schließlich sind alle Schleusenkammern rund 41 Meter lang. Wie der Panamakanal bei Containerschiffen hat der Finowkanal ein eigenes Bootsmaß begründet, an das sich früher die Bootsbauer orientierten: das Finowmaß mit 40,2 mal 4,60 Metern und 1,40 Metern Tiefgang. Genau zwei Finowkähne passten so jeweils – nebeneinander – in die Schleusenkammern (und übrigens elf Mal ein RZ85). Es war das erste standardisierte Binnenschiffmaß überhaupt und tonangebend für alle Schiffe, die östlich der Elbe unterwegs waren.

Am Kreuzweg: Geradeaus liegt der Finowkanal, links der Oder-Havel-Kanal.

25 Minuten später gelangen wir zur ersten historischen Schleuse, die Ruhlsdorfer Schleuse. Zu dritt mit einem weiteren Boot geht es sofort hinein. Wir haben heute grüne Welle, die bis zu unserem Wendepunkt andauern wird. Aber auch nur bis dann. Als alle Tore dicht sind, verteilt der Schleusenwärter einen Stapel Broschüren, Faltblätter und Karten. Wir jedoch schauen lieber auf die erste handbetriebene Schleusung am heutigen Tag. Einzeln kurbelt der Schleusenwärter die Tore zu und öffnet dann vorn die Schieber innerhalb der Tore, so dass das Wasser die Kammer verlassen kann. Gut zehn Minuten dauert jede Schleusung, abhängig von der Hubtiefe einer jeden Anlage und somit Wassermenge. Hier sind es 1,7 Meter und 700.000 Liter, die jedes Mal Richtung Oder verschwinden. Diese Menge Wasser muss also erstmal nachfließen, um die Kammer wieder voll zu bekommen. Doch selbst im Jahrhundertsommer 2018 gab es damit keine Probleme, wie uns der auskunftsfreudige Schleusenwärter auf Nachfrage erklärt.

Wir sind unten angekommen. Per Hand kurbelt der Kollege sogleich eines der beiden vorderen Tore auf. Für das andere muss er hinten herum, über die beiden Geschlossenen auf die andere Seite laufen. Wir dürfen aber schon hinaus. Wie bei einem Theatervorhang öffnet das halboffene Tor den Blick auf den baumbestandenen Kanal dahinter. Entspannt gleiten wir dahin, müssen aber trotzdem etwas auf die Uhr schauen, Glück mit dem Schleusenrhythmus haben und auch mal einen Schlag zulegen. Unsere Höchstgeschwindigkeit heute: 9,3 Kilometer pro Stunde. Hört sich wenig an, aber am Abend spüre ich es in den Knochen.

Grüne Welle in der grünen Hölle

An der Leesenbrücker Schleuse, knapp zwei Kilometer entfernt, warten schon alle auf uns: die Bootsbesatzungen und der nächste Schleusenwärter. Auch wenn die beiden Motorboote schneller sind, holen wir sie auf diese Weise immer wieder ein. Wir tun unser Bestes, den Tagesrekord brechen wir jedoch nicht. Kaum sind wir drin, schließt sich das zweite Schleusentor, und auch an folgenden Grafenbrücker Schleuse erreichen wir so wieder unsere Vorhut. Hier verlassen wir unseren kleinen Konvoi. Es ist 14 Uhr, bald müssen wir umkehren. Wir verabschieden uns von dem Bootsfahrer, der uns seit Zerpenschleuse begleitet hat, und ohne uns nun wohl etwas schneller durch den Finowkanal gelangen wird.

Ein Tor reicht uns. Die Grafenbrücker Schleuse ist Wendepunkt unserer Tagestour.

Ein lauschiger Biwakplatz, wie geschaffen für eine zünftige Ruhepause, erwartet uns zehn Minuten kanalabwärts. Steffen schmeißt den Kocher an und setzt die Soljanka auf, ich hole das Bier aus der Kühltasche. Im Halbschatten liegt unser Boot, neben uns eine verlassene Feuerstelle – und wir bedauern es schon, nur einen Tag Zeit zu haben und hier umkehren zu müssen. Aber wir werden wiederkommen und in zwei oder drei Etappen den Rest des Kanals meistern. Wäre auch zu schade, dies alles in einem Ruck zu erleben.

Gut gestärkt greifen wir nach einer Dreiviertelstunde zu den Paddeln. Nach zehn weiteren Minuten stehen wir wieder vor der Schleuse. Sie ist zu, und da wir uns unterhalb der Anlage befinden, sind wir auch schlecht zu sehen. Wie können wir uns bemerkbar machen? Aus dem Schleusentor schießt ein Wasserstrahl heraus. Ich vermute daher, dass gerade Wasser abgelassen wird und sich bald die Türen öffnen. Steffen meint, dass es auch daran liegen könnte, dass die Tore undicht sind. Wir werden es bald wissen. Doch wann? 

Irgendwann versiegt der Strom des Wassers. Jetzt müsste es doch aufgehen! Nichts passiert. Nach einer Viertelstunde werden wir unruhig. Schließlich müssen wir bis Toresschluss noch drei der alten Schleusen passieren. Wir suchen uns einen Anlegeplatz, ich steige aus, laufe die Böschung nach oben – und sehe die Schleuse verlassen und mit Wasser „oben“ verwaist daliegen. Am anderen Ende des Geländes mäht der Schleusenwärter den Rasen.

Also müssen wir dieses Mal umtragen, sonst würde alles zu lange dauern. Schließlich ist dies hier die Schleuse mit adergrößten Wassermenge heute und einer Fallhöhe von 3,5 Metern. Sollten wir nicht an jeder Schleuse dazu gezwungen werden, ist das Umtragen/ Umfahren eine nette, wenn auch leicht anstrengende Abwechslung vom schon gewohnten Schleusungsgang. Wir holen die schweren Sachen aus dem Boot und ziehen es heraus. Nanu, warum ist es noch so schwer? Weil wir noch gut versteckt einen Zehn-Liter-Wasserkanister im Boot haben, wie wir am Abend feststellen werden. Wir schnallen das Boot auf den Bootswagen, den wir wie eine Art Maskottchen immer mit uns huckepack fahren. Fast nie brauchen wir ihn. Heute aber sind wir froh, ihn dabei zu haben. Wir schieben das Boot die Böschung hinauf, die Straße entlang bis zum hinteren Tor des Geländes, wo wir uns durch Winken beim mähenden Schleusenwärter bemerkbar machen. Der Rasen sieht picobello aus. Wenn wir seine Telefonnummer gehabt hätten, hätte er das Klingeln ohnehin nicht gehört. Und wer weiß, ob o2 überhaupt mitgespielt hätte.

Wer sein Boot liebt … Der Schleusenwärter hat hingegen den Rasen gemäht.

Rasch setzt wir das Boot oberhalb der Schleuse ins Wasser und der Wärter meldet uns telefonisch beim Kollegen an der Leesenbrücker Schleuse an, damit nun alles flutscht. Noch eine Stunde 15 Minuten bis Buffalo (schließlich schreiben wir gerade das Fontane-Jahr).

Wir legen nun wieder einen Schlag zu und schaffen die fast 2,5 Kilometer lange Etappe in einer guten Viertelstunde. Kaum sind wir da, geht bei der Leesenbrücker Schleuse die Tür auf. Ein Hausboot voll mit Kindern, die nach viel Badespaß aussehen, kommt uns entgegen. Wir fahren hinein.

Sturm im Wasserglas

Obwohl im ausgehenden 19. Jahrhundert alles standardisiert und erneuert wurde, sieht jede Schleuse anders aus. Hier zum Beispiel, „vollendet 1878“ wie ein historisches Schild am Eingang verkündet, hängen Netze an der Kammerwand, an denen wir uns festhalten sollen. Auf Höhe der oberen Wasserkante ist es vollständig mit Gräsern bewachsen. Der Schleusenwärter macht die Schoten auf. Erst eine, dann die andere. In knapp zehn Minuten rauschen 1,1 Millionen Liter Wasser hinein, was für einigen Wellengang in der Kammer sorgt. So muss sich ein Sturm im Wasserglas anfühlen, allerdings eines mit 1.000 Kubikmetern. Zehn nach vier fahren wir aus dem Feuchtbiotop heraus und bitten den Wärter, uns beim nächsten Kollegen anzukündigen. Hat er doch schon längst gemacht, erwidert er. 

 


1,1 Millionen Liter füllen die Schleusenkammer in zehn Minuten auf.

Na dann! Wir wollen ihn nicht warten lassen, so kurz vorm Feierabend. Zum Glück ist es die kürzeste Etappe von nicht einmal zwei Kilometern. Eine Torseite steht auf, als wir 16.32 Uhr einfahren, und sofort startet für uns zum sechsten Mal heute das Schleusungsschauspiel. Genau 16.44 Uhr sind wir wassertechnisch wieder oben angekommen. Nun muss er nur noch ein Tor aufkurbeln. Wir witzeln, dass der Schleusenwärter genau jetzt Feierabend macht und die wertvollen Handkurbeln im Schuppen verstaut. Doch ohnehin ist die Schleuse bis 17 Uhr in Betrieb. Nur geschleust wird lediglich bis 16.45 Uhr.

Geschafft, wie aber sieht es mit der letzten Schleuse aus, die vom Land Brandenburg betrieben wird, also zu einer anderen Kostenstelle gehört. Wir sind mit den vielen Öffnungszeiten, die wir heute auf allen möglichen Schildern gelesen haben, inklusive der für uns nicht relevanten Hubbrücke, schon ganz durcheinander geraten. Doch wir müssen so oder so dorthin fahren. 

Nur der Himmel ist heute nicht blau. Die neue Schleuse wirkt ziemlich aufgeräumt.

Brav legen wir am Haltepunkt an, als die Ampel auf Grün schaltet. Bis auf die Rasenmäher-Schleuse haben wir heute einen echten Lauf gehabt. Mit ihren sauberen Betonwänden und blau gestrichenen Stahlkanten bildet die Schleuse Zerpenschleuse der Gegenentwurf zu den urig-romantischen Pendants auf dem Hauptteil des Kanals. Passend dazu ist der festangestellte Schleusenwärter hier nicht so gesprächig wie die Kumpeltypen draußen auf der Strecke. Obendrein ist er beschäftigt. Parallel zur Schleusung muss er noch eine der Hub- und Klappbrücken bedienen.

Wieder zurück am Startpunkt in Zerpenschleuse. Steffen, ich und unser RZ85.

Kurz vor 18 Uhr kehren wir nach 16,2 Kilometern und 5,5 Stunden reiner Fahrtzeit zu unserer Anlegestelle in Zerpenschleuse zurück. Von einem Einheimischen, den wir nach einem zünftigen Brandenburger Landgasthof fragen, erfahren wir, dass man den Ort schlichtweg „Schlüse“ nennt. Allerdings gebe es hier keine Lokalität mehr. Also fahren wir mit dem Auto nach Marienwerder zurück. Dort hatten wir tagsüber direkt neben dem Kanal an der Leesenbrücker Schleuse das Lokal „Zum Goldenen Anker“ ausgemacht. 

Und es scheint ein Hotspot zu sein, in allen Belangen. Die Dorfstraße ist zugeparkt. Knapp hundert Leute feiern im Biergarten eine amerikanisch angehauchte Linedance-Party. Vor dem Gasthaus ist noch eine letzte Bank frei. Es gibt Gulasch für 10,80 Euro, einen freien WLAN-Hotspot und etwas Seemannsgarn, ebenfalls frei Haus: Wir kommen mit einem Ortsansässigen am Nachbartisch ins Gespräch. Er berichtet uns von einem privaten Wettrennen, das er mit einem „Wessi“, wie er entschuldigend sagt, vor einigen Jahren veranstaltet hat. Die Wette lautete, dass er mit seinem Motorboot an nur einem Tag den Finowkanal bis zum Ende am Schiffshebewerk Niederfinow und danach über den Oder-Havel-Kanal wieder zurückschaffe. Immerhin pro Richtung 30 Kilometer und im Falle des Finowkanals mit zwölf zeitraubenden Schleusen gespickt. Der Wetteinsatz: drei Tage Essen und Trinken auf Kosten des jeweils anderen im „Goldenen Anker“. Mit seinem Motorboot startete er am Morgen um 7 Uhr und kehrte 18.55 Uhr zurück, zwei Schleusen passierte er dabei nach 16.45 Uhr. Das, wie auch seine gesamte Tour, bewerkstelligte er nur mit einem Trick: er kannte alle Wärter auf der Strecke und hatte überall freie Bahn. Na, wir glauben es ihm.

Das nächste Mal nehmen wir das Auto.