Auf dem Finowkanal (3): Von der Ragöser Schleuse bis nach Oderberg

Finowkanal, 30. Juli bis 1. August 2021.

Heute nun ruft uns die dritte und finale Etappe auf dem Finowkanal. Und dieses Mal werden Steffen und ich keine hektische Tagestour unternehmen, sondern von Freitag bis Sonntag unterwegs sein – obendrein mit unserem Freund Robert. Daher ist neben Steffens auch mein eigenes Paddelboot „Hans F.“ mit am Start. Eigentlich Ehrensache, denn vor uns steht ein besonderes Ereignis, das mein Kolibri 3 unbedingt miterleben soll: Der letzte Abschnitt des Kanals ist zwar recht kurz. Doch wir wollen das ganze Wochenende nutzen und steuern auf den physischen Höhepunkt unserer Paddelkarriere hin.

Praktischerweise – aber baulich und historisch nicht zufällig – liegt gleich am Ende des Finowkanals das Schiffshebewerk Niederfinow. Es ermöglicht den Schiffen auf dem Oder-Havel-Kanal, der an dieser Stelle den alten Finowkanal mit seinen 13 Schleusen ersetzt hat, die 36 Meter Höhenunterschied auf einen Schlag. Das berühmte Eisenungetüm – ein beliebtes Ausflugsziel für Berliner – wollen wir mit unseren kleinen Pouch-Paddelbooten befahren, danach weiter bis Oderberg paddeln und am anschließenden Sonntag noch etwas auf der Wriezener Alten Oder herumgondeln.

 

Kreuzberger Außenstelle

Am Freitagabend sind wir bereits am Triangel-Zeltplatz Niederfinow angekommen, gut eine Autostunde von Berlin entfernt: Malerisch gelegen, wirkt das schrebergartenartige Gelände eher wie die Dependance stadtmüder Kreuzberger Ökos. Hinweisschilder sind gegendert, die Chefin ist eine Schwäbin und auf der Toilette geht es recht divers zu, zumindest auf der Herrentoilette, wobei ich wahrscheinlich auch umstandslos die Damentoilette hätte benutzten können.

Optisch indes ein herrliches Fleckchen Erde, direkt am Kanal. Leider, wie so viele Zeltplätze am Wasser, sind sie nicht zum Wasser hin gebaut. So sitzt man auf Wiesen, unter Obstbäumen oder geht raus zum Kanal und genießt auf Bänken den Sonnenuntergang. Wir grillen, und hoffen, dass mein Einweggrill hier nicht auf dem Index steht. Meine Ökobilanz diesbezüglich fällt aber äußerst positiv aus, erst mein zweites Gerät innerhalb von 15 Jahren.

+++ Top: Freundlichkeit und praktische Tipps der Betreiber:in, morgendlicher Brötchenservice und Bullerbü-Atmosphäre.

— Flop: Rot-weiße Absperrbänder überm Waschbecken erinnern an eine moderne Kunstinstallation. Ist es defekt oder eine Corona-Vorschrift?; Gewaltverherrlichende Plakate auf dem Schwarzen Brett zur „antifaschistischen Aktion“ in Eberswalde. Also die politische Marschrichtung auf dem Zeltplatz ist klar, trotz urdeutschen Kartoffelsalats, der täglich frisch zubereitet wird.

Kunst oder Coronaschutz?

Autologistik

Es ist Sonnabendmorgen und auch unsere Paddel-Marschrichtung zeigt am Anfang in die entgegengesetzte Richtung. Zunächst müssen wir zurück zur knapp drei Kilometer entfernten Ragöser Schleuse. Dort hatten Steffen und ich beim letzten Mal die zweite Etappe beendet. Schließlich wollen wir den gesamten Finowkanal passieren und möchten nicht schummeln und einfach vom hiesigen Triangel-Zeltplatz aus weiterfahren. Die Zeit drängt, die freundliche Betreiberin hatte uns den Tipp gegeben, sich beim Schiffshebewerk an den festen Dampferausflugszeiten zu orientieren, um langes Warten zu vermeiden: 11, 13 und 15 Uhr.

Also los, aber erstmal mit dem Auto: Wie immer und wie alle Paddler mit eigenem Boot stehen wir vor dem mich mehr und mehr faszinierenden logistischen Problem, dass wir am Ende des Trips wieder zum Auto zurückmüssen. Also fahren wir mit meinem und Steffens Wagen nach Oderberg, stellen meinen dort am lokalen Wasserwanderrastplatz ab und kehren mit Steffens Auto zum Triangel-Zeltplatz zurück. Hört sich umständlich an, ist auch so, aber bislang habe ich dafür noch keine andere Lösung gefunden.

Nicht schummeln!

Ich werde im Hans F. fahren, Robert bei Steffen im RZ 85. Neue Konstellation also und zum ersten Mal überhaupt paddle ich allein in meinem Boot. Ich werde es am Abend merken. Auch gepäcktechnisch macht es sich gut, dass mein vorderer Platz frei ist, soviele Utensilien haben wir dabei.

Erst knapp vor 13 Uhr stechen wir in See, obwohl wir schon vor acht auf waren. Kurz frage ich Steffen, ob wir uns nicht die zweieinhalb Kilometer sparen sollten …? Oje, habe ich das wirklich gerade gefragt? Zum Glück antwortet er mit einem klaren „Nein!“ Besser so, wir wollen ja korrekt bleiben und ehrlich den Haken in unser fiktives Fahrtenbuch setzen können. Beinahe wäre ich schwach geworden.

Später Start am Triangel-Zeltplatz in Niederfinow.

Also geht es erst einmal zurück zur Ragöser Schleuse, die wir symbolisch antippen wollen. 25 Grad, leicht bewölkt. Prächtiges Paddelwetter, wäre da nicht der typische Westwind, gegen den ich mich allein stemmen muss. Doch mich trägt die Hoffnung, dass es nach dem Richtungswechsel anders sein wird.

Wir waren wirklich da! Symbolisches Antippen an der Ragöser Schleuse.

Ich muss zunächst in die Gänge kommen, die platten Felder beflügeln mich dabei nicht gerade. Nach knapp 45 Minuten erreiche ich zwar nicht erschöpft, aber doch im Bewusstsein, körperlich aktiv gewesen zu sein, unsere Wendeschleife. Nun kann es richtig losgehen: Startpunkt zur finalen Etappe, durch die letzten beiden Schleusen mit anschließender Fahrstuhlfahrt im Schiffshebewerk.

Leider zieht dieselbe, hier eher monotone Natur an uns vorbei, woran auch die Tatsache nichts ändern kann, dass wir nun aus der anderen Richtung kommen. Sehr gewagtes, frühes Zwischenfazit: Obwohl grün, lieblich und sehr hübsch anzusehen, ist es landschaftlich die vergleichsweise langweiligste Partie der drei Etappen; auch, weil hier der Kanal schnurgerade verläuft.

 

„Das Pummelchen unter den Faltbooten“

Baustellencharme an der Stecher Schleuse.

Glücklicherweise hat sich der Wind nicht gedreht, sondern nur wir uns: in gerade einmal 30 Minuten schaffen wir die Etappe bis zum Zeltplatz zurück und noch ein kleines Stück weiter zur „Schleuse Stecher“. Sie wird von einem leutseligen Bilderbuchschleusenwärter bedient, der allen eine schöne Fahrt wünscht und uns in seinem Schleusenbecken begrüßt. Heftig kurbelt der Mann mit Rauschebart und Piratentuch die urig-verrosteten Tore hinten zu und vorne wieder auf. Keine 20 Minuten später sind wir draußen.

Weiter geht’s! Den Schleusen sieht man den Denkmalschutz an – den Schleusern auch.

Von unserem Zeitplan, spätestens die 15-Uhr-Schleusung am Schiffshebewerk zu nehmen, haben wir uns aber längst verabschiedet. Kein Stress heute. Unrealistisch ist es eh – und ich fahre ganz allein im ohnehin wenig schnittigen Kolibri 3, einer DDR-typischen Verlegenheitsalternative zum legendären RZ 85, das eindeutig besser im Wasser liegt. Was ich schon immer wusste und fühlte, besonders heute, finde ich auf dem „Faltoboot-Wiki“ in einem Testbericht zum Kolibri 3 mit grandiosen Worten bestätigt:

„Ein Kolibri ist das absolute Pummelchen unter den Faltpaddelbooten. Es ist das ganze Gegenteil von andächtiger Eleganz. Es sieht auf dem Wasser in etwa so aus wie ein auf dem Rücken liegender Kartoffelkäfer; kurz, dick, einfach lächerlich. Wenn es leer und leicht ist, kippelt es wie eine Nußschale auf dem Wasser, kippt aber eigenartigerweise fast nie um, man muss es schon arg provozieren. Ist es schwer und voll, kann es kaum etwas aus der Ruhe bringen, schon das Schrägstellen fällt dann schwer. Das gilt dann aber auch für den Vortrieb.“

Gut, meine Beziehung zu Hans F. ist so realistisch, dass ich das mal kommentarlos so stehen lasse.

Ortsdurchfahrt Niederfinow zwischen den beiden letzten Schleusen.

Bis auf Niederfinow, das sich nur selten am Wasser zeigt, ist die Strecke heute dünn besiedelt. Kaum Häuser, mehr flache, gerade Strecke. Im Ort selbst geht es kurz nach einer Klappbrücke in einer 90-Grad-Kurve auf die Zielgerade. Zweieinhalb Kilometer bis zur finalen „Schleuse Liepe“. Hier weitet sich der Kanal, man wähnt sich fast auf der Peene, links und rechts Wiesen, viel Schilf, fotogene Wolken schweben vor uns.

Linkerhand, noch hinter Bäumen versteckt, lugen bereits das alte und neue Schiffshebewerk hervor. Das Neuen sollte längst fertig sein. Doch wie das so ist bei öffentlichen Bauprojekten, nicht nur in Brandenburg: Die Finalisierung hat sich drastisch verzögert und ebenso verteuert. Bis auf meine Eigenschaft als Steuerzahler bin ich darüber ganz froh. So befahren wir heute noch das alte Schmuckstück. In ein paar Jahren dann, wenn Gott, das Bauamt, der TÜV, die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes und die Technik es wollen, können wir das neue Schiffshebewerk erleben.

In der Ferne sind schon die beiden Schiffshebewerke zu sehen.

Davor jedoch müssen wir durch die Schleuse Liepe hindurch. Üblicherweise schaut sich ein Schleusenwärter um, ob von oben oder unten jemand kommt – wobei wir, wie immer, vom vorherigen Wärter angemeldet worden sind. Doch hier ist niemand zu sehen, also rufen wir an – die Nummer steht im prächtigen Jübermann-Atlas – und es meldet sich temperamentsmäßig das Gegenstück zum Wärter der Stecher-Schleuse. Der Mann macht eher einen überraschten Eindruck und quittiert die Bitte, die Tore zu öffnen, mit der spaßbremsenden Bemerkung, dass er ja dazu erst das Wasser einlassen müsse. In seinen Worten schwingt durchaus die Hoffnung mit, dass ich „Na, dann doch nicht“ sage und wohl umkehre …

Verdiente Pause an der Lieper Schleuse.

Ein Knochenjob

Gegen eine kleine Pause haben wir aber nichts einzuwenden. Die bisherigen elf Kilometer haben bereits ihren Tribut gefordert. Ich bin daher froh, dass ich an einem Steg aussteigen und mir die Beine vertreten kann. Es dauert noch ein wenig beim Wärter. So kann ich endlich mein zweites Radler trinken und zur Stärkung ein, ein paar Wiener und Knacker essen; alles Dinge, die ich bei Steffen im Boot immer während der Fahrt machen konnte. Währenddessen blödeln wir rum, dass auf dem prima Bootssteg doch ein Partner des Schleusenwärters Getränke und einen Imbiss anbieten könne, während der Wärter die Schleuse extra lange geschlossen hält. Bis zum Feierabend um 16:45 Uhr ist es noch mehr als eine Stunde. Aber es gibt schlechtere Warteplätze.

Außerdem kann ich nun auch in Oderberg am Wasserwanderrastplatz anrufen, wo bereits mein Auto steht. Ich möchte uns für die Übernachtung ankündigen, was auf simplen Biwakplätzen normalerweise nicht nötig ist. Wir haben zwar kaum Kanuten gesehen, erstaunlich für einen Sonnabend mitten im heißen Sommer, doch man weiß ja nie. Ich hatte es vor drei Stunden schon einmal versucht, da ging niemand ran. Nun klappt es und für mich ist es eher eine fast überflüssige, aber eben „Sicherheitsanfrage“ – da sagt mir der Platzverantwortliche ab. Genau vor fünf Minuten habe eine Gruppe von 24 Paddlern angerufen und nun müsse er zusehen, wie er die dort überhaupt alle unterbekomme. Das wird sportlich und selbst wenn genug Platz wäre, hätten wir wenig Lust, mit einer großen Gruppe den Abend auf einem schmalen Handtuch zu verbringen. Die Enttäuschung weicht sofort der Erleichterung, zumal es in Oderberg einen Kilometer weiter eine private Marina mit Zeltplatz gibt. Der Mann dort am Telefon erweckt nun seinerzeit den Eindruck, dass es fast überflüssig war, anzurufen: „Wir haben immer Platz.“

Letzte Schleusung auf dem Finowkanal.

Dann öffnet sich das Schleusentor. Alles gemanagt zwischendurch. Wir fahren rein, zu unserer letzten Schleusung auf dem Finowkanal. Leider kommuniziert der Wärter wie ein Morgenmuffel, dabei ist es kurz vor 16 Uhr und der nahe Feierabend müsste ihn eigentlich beflügeln. Hingegen haben wir die meisten Wärter auf der Strecke als muntere, dufte Typen kennengelernt, die gern berichten, klönen, fachsimpeln oder zumindest jedem einen guten Weg wünschen. Das Tor geht auf – und links grüßt in entgegengesetzter Richtung das Schild zur Einfahrt zum Finowkanal. Feiern werden wir heute Abend – unser „Feierabend“ – und dabei vor allem den zweiten Höhepunkt unserer bald 30-jährigen Paddlerkarriere; auch wenn wir für die Gipfelerklimmung gar nicht viel tun müssen.

Das Tor geht auf – und unser zweijähriges Finowkanalprojekt ist erfolgreich beendet.

Perfektes Timing

Auf geht’s ins nächste Abenteuer: das Schiffshebewerk Niederfinow.

Allerdings geht es auch nur 36 Meter hinauf, und in unserem Fall auch exakt so viel wieder runter. Bevor wir in den 4290 Tonnen schweren, 85 Meter langen und 12 Meter breiten Trog einfahren können, müssen wir aber tatsächlich etwas kämpfen. Kurz nach der Schleuse treffen sich Finow- und Oder-Havel-Kanal und wir biegen scharf nach links ab: Westwind und Wellen fordern uns auf dem letzten Kilometer bis zum Schiffsfahrstuhl, und mich allein im kleinen „pummeligen“ Hans F. Zumal der harte Sitz heute besonders meinen Rücken und Po zwackt. Wie immer habe ich ihn zwar gepolstert, doch es reichte nicht. Knackige zehn Minuten Rundschlag, zum Glück haben wir das Ziel vor Augen. Vor allem aber hat eben eine Bootskolonne das Mammutgerät verlassen, was wiederum bedeutet, dass sich der Lift gerade unten befindet. Das beflügelt und mit jedem Schlag sporne ich mich schreiend an, bis wir uns im Windschatten des Höhenzuges befinden, der dieses Bauwerk erst ermöglicht hat. Dann reihen wir uns in die kleine Warteschlange an den Stahlbuhnen ein.

„Die Sportboote bitte zur Schleusung kommen“, kommt es sogleich aus den Lautsprechern. Ja, auch beim Hebewerk heißt es: „Schleusung“. Die zwei Motorboote machen die Leinen los und fahren vor uns in den Bauch der 60 Meter Anlage. Wir folgen knapp und halten uns lose am Beckenrand fest. Freier Platz ist üppig vorhanden, vorher hatte ich mit umfangreichen Rangierbewegungen gerechnet. Jedenfalls bin ich froh, neben mir keinen großen polnischen Kohledampfer zu haben.

Viel Platz, um noch eine Runde zu drehen. Aber ob das erlaubt ist …?

Der Blick nach oben: Fast wie in einer Kathedrale, wären über uns nicht die eisernen Querstreben, die die riesige Wanne zusammenhalten, tragen und heben. Hinten senkt sich auf ganzer Breite das Eisentor und schließt das Becken zum Kanal hin ab. Es wird ruhig, wie vor einem Raketenstart. Nur ein paar Vögel zwitschern, heruntertropfendes Wasser plätschert – jäh unterbrochen durch ein Werkshorn. Dann summen die Motoren los und beschleunigen. Gleich heben wir ab.

Aber gemächlich. Die gerade Sicht wird leider durch die Trogwände begrenzt. Nur an Bäumen und anderen feststehenden Teilen sehen wir, dass wir uns bewegen. Anders als bei einer Schleuse fließt auch kein Wasser hinein und hinaus, wir sind ja in einer großen Badewanne. Das Wasser ruht also, so dass man auch mit einer Luftmatratze hier hindurchschippern könnte. Am liebsten würde ich in meiner leeren Beckenhälfte eine Runde drehen.

Ich blicke zurück. Über dem Eisentor sehe ich wie durch einen Bilderrahmen in den mit Wolken durchzogenen Himmel. Rechts daneben steht – und zwar schon seit Jahren – der Nachfolgebau, der irgendwann in Betrieb gehen soll. Gerüchteweise heißt es, dass hier dasselbe Projektdreamteam wie am BER-Flughafen werkelt, personell verstärkt durch die Profis vom Bundeswasserstraßenamt mit Bundesverkehrsminister Andy Scheuer ganz, ganz oben an der Spitze. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass auch das aktuelle Schiffshebewerk knapp 30 Jahre von der Idee bis zur Umsetzung brauchte.

 

Und gleich wieder hinab

Wir haben fast die Zielebene erreicht. Auf einer Eisentraverse staunen Besucher. Als Junge habe ich hier auch einmal gestanden und fasziniert geguckt. Nach genau fünf Minuten dann ist der erhebende Moment vorbei. Wir sind da. Das Tor zum Oder-Havel-Kanal öffnet sich, die Ampel schaltet auf Grün und es geht hinaus. Aber wir möchten gleich wieder hinunter und weiter nach Oderberg. Beim Herausfahren frage ich einen Angestellten, wo wir uns einreihen sollen für die Abwärtsfahrt.

Vollbremsung und 180-Gradwende.
So eine Treidellok wäre jetzt genau das Richtige!

„Achso? Sofort drehen und rein.“ Ich rufe Robert und Steffen zurück, die schon enteilt waren. 180-Grad-Drehung und als erste in den Trog, nun mit veränderter Blickrichtung. Es kommt nur noch ein oranges Segelboot und schon geht das Tor wieder zu. Wir erhalten eine exklusive Fahrt abwärts mit Blick auf das Wolkenpanorama. Von Ankunft, inklusive der winzigen Wartezeit, bis zum Wiederherausfahren hat das ganze Erlebnis 40 Minuten gedauert. Genauso lange wie die einfache Durchfahrt der kleinen Lieper Schleuse.

16.45 Uhr, eine Pause haben wir bis auf die Wartezeiten an der Lieper Schleuse nicht gehabt. Die Holzunterlage meines Boots setzt mir heute besonders zu. Mein Rücken und Hintern sind bereits ziemlich lädiert. Alle beteiligten Muskeln sind jetzt schon strapaziert. Auch Robert fordert eine Pause ein. Er hat das Boot, im Gegensatz zu mir, noch gar nicht verlassen. Ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht ­– ob in einer Eisdiele oder von unserem Kocher. Wo aber können wir anlegen? Überall Schilf, keine Badestelle und ein Café schon gar nicht. In Niederfinow am Schiffshebewerk gibt es eine regelrechte Restaurantmeile für die Tagesbesucher, hier am Wasser liegt indes nichts.

Wir können es nicht ändern und müssen weiter in Richtung Oderberg fahren und auf eine Anlegestelle oder offenes Ufer hoffen. Neun Kilometer wären es bis zur Marina. Vielleicht können wir aber schon vorher etwas verschnaufen. Wir sind ja nicht auf Kilometer aus.

 

Erholungssuche

Die Landschaft hat sich stark verändert, viel reizvoller als zum Mittag: Einige Buchten, der Kanal greift den kurvigen Verlauf des Ursprungsgewässers auf. Die Kulisse bildet aber der Höhenzug, der eher an ein Mittelgebirge und weniger an Brandenburg erinnert. Sogar ein Bach rauscht den Hang hinab, ich traue meine Augen kaum. Leichter Rückenwind, dunkle Wolken ziehen vorbei, ohne sich abzuregnen. Eine schöne Landpartie, die wir noch mehr genießen könnten, wenn wir irgendwo einmal unserer Glieder ausstrecken könnten. Doch hier ist alles zugewachsen – oder Privatgrundstück, besonders die herrlichen Stege und Badewiesen. Ich weiß jetzt, was das Wort „Erholungssuche“ bedeutet.

Auf der Karte entdecke ich ein Gaststättenzeichen. Aber es sind dorthin noch vier Kilometer, außerdem ist der Atlas aus dem Jahr 2013. Es sieht nicht danach aus, als ob hier ein Lokal Gäste erwartet. Und wenn, ist es wegen der Corona-Zwangsschließung wohl längst pleite gegangen. Überhaupt – wo sind anderen Wasserwanderer? Die Sportboote und motorisierten Segelyachten rauschen hier nur durch, um über den Kanal und die Oder zur Ostsee zu gelangen. Andere Ausflügler finden sich mitten im Sommer an einem sonnigen Sonnabend nicht. Und so wird auch dort, wo das Gaststättenzeichen von 2013 auf der Karte prangt, nichts serviert und auch nichts sein, was entfernt an einen Lokalbetrieb erinnert.

Also wohl durchfahren bis Oderberg, ohne Pause und Erholung. Doch wie von Zauberhand erspähen wir kurz vorm Ausgang des Oderberger Sees eine Stelle, die unseren kühnsten Träumen entspringt: Ein kleines verlassenes Stücken Land mit großem, neuem Steg und Blick auf den See. Die perfekte Terrasse für eine zünftige Rast, einen Imbiss und ein, zwei Bier – und Kaffee, den vor allem Robert herbeisehnt. Und all dies noch am Fuße des – Pimpinellenbergs. Wir müssen nur aus dem Boot rauskommen, was bei der Uferkante nicht so leicht ist. Doch es geht, die Steine bieten einen guten Tritt und wir laden all unser Zeug aus, was wir für unsere Pause brauchen: Proviantbeutel, Kühltaschen, Kochutensilien, Geschirr, Süßigkeiten, bis die Boote fast leer sind. Unsere Zweieinhalbtagestour zeigt wieder eindrucksvoll, dass es gepäckmäßig egal ist, ob man zwei Tage oder zwei Wochen fährt.

Endlich Pause am Traumstrand.

Der Kocher gibt sein bestes, das Bier ist schon halb leer. Endlich ausstrecken auf dem Steg und seinen neuen Bohlen. Zum Glück merken wir rechtzeitig, dass sie gar nicht festgeschraubt sind, aber trotzdem weit links und rechts über die Metallstreben hinausragen.

Wir freuen uns, dass wir nur noch drei Kilometer bis zur Marina vor uns haben und genießen die Abendstimmung – die plötzlich durch einen lärmigen Ausflugsdampfer Marke „Disco-Night“ unterbrochen wird. Ungebremst rast DJ Ötzi-Musik übers Wasser, die auch das Schiffshebewerk in ihren Grundfesten erschüttern würde.

 

Finale auf großer Terrasse

Nach einer guten Stunde machen wir uns mit gestärkten Kräften auf die Zielgerade. Hauptsache, der Ballermannkahn dreht nicht zu schnell um und holt uns wieder ein. Unter der Stadtbrücke und einer alten, imposanten Eisenbahnbrücke hinweg durchqueren wir Oderberg. Am Wasserwanderrastplatz machen wir allerdings nur ein Zelt aus. Am nächsten Tag werden wir vom freundlichen, ja fast demütigen Betreiber, der uns einen Korb geben musste, erfahren, dass die 24-köpfige Paddeltruppe ganz woanders übernachtet und ihm erst 21 Uhr abgesagt hat. Aber es sollte unser Schaden nicht sein: Die Marina ist eine prächtige Alternative. Üppiger Platz auf großer Wiese, Wasserblick und vor allem ein Restaurant mit mächtiger Terrasse hin zum Kanal, der an dieser Stelle einen kleinen Bogen schlägt, so dass man einen weiten Blick hat.

Naturerlebnis und Werft. Wald und Schilderwald gehen an der Marina Oderberg nahtlos ineinander über.

Der Betreiber hier hat wohl einen Komiker verschluckt. Ohne Ende gibt er Sprüche, Schenkelklopfer und Witze zum Besten. Mir ist aber erstmal nicht zum Lachen zumute. Nach 22 Kilometern allein im Boot ist mein Körper malträtiert. Er schmerzt an allen Stellen. Nur mühsam kann ich mich aus dem Boot auf den schmalen Steg hieven und kaum aufstehen. Wie ein Greis schleppe ich mich fort, und es sind Robert und Steffen, die mein Boot aus dem Wasser holen. Ich will mich nur noch ausstrecken, vorher müssen wir aber die Zelte aufbauen. Denn wir wollen es im Lokal krachen lassen und nicht zwischendurch oder gar danach noch im Dunkeln unsere Betten machen.

Es ist erst kurz nach 20 Uhr. Trotzdem drückt der Betreiber mächtig auf die Tube. Gleich sei Küchenschluss und wir sollten schon mal bestellen: Steak au four, Schnitzel Hamburger Art und noch ein Schnitzel irgendeiner Art – das wäre so sein Angebot. Ich habe zwar erst eine gute Stunde zuvor die Reste vom gestrigen Grillabend verputzt – doch hey, eine zünftige Sause braucht eine gute Grundlage. Also nehme auch ich ein Steak au four zum allerdings gesalzenen Preis von 15,90 Euro, der am nächsten Tag vom Wirt direkt aufgerundet wird. Überhaupt sind hier die Preise bis aufs Bier heftig, aber wir befinden uns schließlich nicht auf einem schnöden Wasserwanderrastplatz, sondern in einer „Marina“ mit spektakulärer Wasserlage. Standup-Comedy durch den Betreiber inklusive.

Am Ziel!

Dafür liegen die Übernachtungspreise extrem in Keller, nur die Hälfte vom Triangel-Zeltplatz. Und die Toiletten- und Waschräume sind die saubersten, die ich bei derartigen Unterkünften in meinem Leben gesehen habe. Fast wie in einem Hotel, nur dass man sich die Anlage mit anderen teilt. Zusätzlicher Bonus: Nach Ausschankschluss irgendwann nach 22 Uhr können wir allein weiter sitzen bleiben und erhalten dafür noch ein letztes Bier (das später durch eigene Spirituosen ergänzt wird). Ein zünftiger Abschluss unseres verlängerten Finowkanalprojekts. Und meinen Körperteilen geht es auch schon wieder besser.

 

Hier geht es zu den ersten beiden Teilen auf dem Finowkanal: von Zerpenschleuse bis Grafenbrücker Schleuse und von Grafenbrücker bis Ragöser Schleuse.