Mopti > Djenné > Mopti. Mein Tagesausflug nach Djenné kommt bereits nach 20 Minuten an einem Polizeiposten zum Stehen. Der junge Beamte am Kontrollpunkt von Sévaré schaut durch die Reihen und entdeckt – mich. „Votre passeport s’il vous plaît!“, sagt er zu mir.

Bis vor einigen Jahren mussten sich Mali-Reisende in jedem Ort anmelden, in dem sie sich aufhielten. Die Regelung ist längst abgeschafft worden, trotzdem führen die lokalen Behörden diese Praxis fort – um abzukassieren. Ich bin mir also keiner Schuld bewusst, als mich ein Staatsdiener fragt, wo der Durchreisestempel aus Mopti in meinem Ausweis sei. Die anderen Passagiere sehen mich verärgert an; meinetwegen werden sie aufgehalten. Energisch klopft der Beamte mit meinem Pass auf die Handfläche: „Sie müssen nach Mopti zurück und sich dort einen Meldestempel holen.“ Mein Reisefahrplan ist in Gefahr, denn heute würde ich kein Sammeltaxi mehr nach Djenné finden. Doch der Besuch der Moschee und des Montagsmarkts sind ein Muss. Inzwischen umringt eine Traube Fahrgäste unseren Fahrer und den Polizisten: „Wann geht es weiter? Wir können nicht so lange warten! Wir sind spät dran!“, rufen die Passagiere durcheinander.

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„Bekomme ich den Stempel auch hier?“, frage ich und deute damit an, für die rasche Passage das erwartete Bakschisch herauszurücken.

„Non“, lehnt der Beamte überraschend unbestechlich ab, „das müssen Sie in Mopti erledigen.“ Oder will er nur den Druck erhöhen?

„Ich bin erst in der Nacht angekommen, und heute Morgen hatte ich keine Zeit. Sie wissen, Djenné, nur am Montag …“

Der Fahrer bekommt Mitleid mit mir: „Mal sehen, was ich machen kann. Die Anmeldung kostet 2.000 Francs.“ Das sind sechs Mark. Schnell verschwindet er mit meinem Geld im fensterlosen Betonunterstand der Polizei. Teilnahmslos beobachten die Mitfahrer die Abzockerei und ihre Blicke wollen mir sicher sagen: „So ist das in unserem Land.“ Mit aufgehellten Mienen kehren Fahrer und Beamter zurück und geben mir meinen Pass. Wir fahren ab.

Der ehrlichste Polizist Malis

Die Sammeltaxis nach Djenné sind alte Renault-Pritschenwagen – und diese Version hat gleich vier Sitzbänke auf der Ladefläche. Dicht drängen sich unsere Körper aneinander, die Beine sind ineinander verhakelt. „Ob ich zu meinen vielen Visa im Pass jetzt noch einen bunten Stempel vom Straßenkontrollpunkt Sévaré bekommen habe?“, frage ich mich und blättere rasch die Seiten durch. Fehlanzeige, dafür fallen mir meine beiden Geldscheine entgegen. Ich bin fassungslos ob solcher Rechtschaffenheit eines afrikanischen Polizisten, noch lange werde ich mich darüber wundern.

Den Bani überqueren wir mit einer rostenden Autofähre, bevor mich vor dem Tor von Djenné ein Dutzend Guides in Beschlag nimmt. Nicht immer empfinde ich Führer als überflüssig – hier habe ich nichts dagegen, mir die verwinkelte Altstadt zeigen zu lassen und mit ihrer Hilfe die richtigen Dächer zu besteigen, um den Markt von oben zu sehen. Außerdem hat ein Guide den Vorteil, dass ich dadurch von allen anderen in Ruhe gelassen werde. Ich entscheide mich für Hassan.

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Das 600 Jahre alte Djenné ist für zwei Attraktionen bekannt: für seine Moschee, die Ikone sudanesischer Lehmarchitektur, und für den Montagsmarkt, der so bedeutend ist, dass alle Stämme des Nigerbinnendeltas – Bambara, Bobo, Bozo, Dogon und Fulbe – lange Wege hierher auf sich nehmen. Manche Käufer und Verkäufer reisen schon sonntags an oder kommen gar aus dem Nachbarland Burkina Faso, um auf dem Basar mit Schmuck, Gemüse, Fisch, Tongefäßen, Gewürzen oder Heilpflanzen zu handeln.

Der Montagsmarkt – eine bunte Bühne

Der Anblick der Moschee, des größten sakralen Lehmgebäudes der Welt, ist betörend. Wer vor ihr steht, denkt sofort an eine altertümliche Wüstenfestung aus Tausendundeiner Nacht. Tatsächlich ist die Moschee erst knapp 100 Jahre alt, denn Lehm ist kein besonders witterungsbeständiges Baumaterial. Zwar hebt sich der Bau wie ein Klotz von den niedrigen Häusern der Umgebung ab, doch die sich verjüngenden Türme, die unregelmäßigen Zinnen und das Grau geben ihr die verspielte Anmutung einer Sandburg. Lehmputz überzieht die Moschee, die Mauern sind gefällig rund, während die Einfassungen der Treppen und Gänge mit übermannsgroßen, krummen Höckern abschließen, so wie riesige, erstarrte Schlammtropfen. Pfähle und Balken ragen aus Wänden und Decken ins Freie, als hätte man vergessen, ihre Stummel abzusägen. Doch erst sie verleihen dem Gebäude den Charakter einer archaischen Burg.

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Leider muss ich draußen bleiben. Für Nicht-Moslems ist der Zutritt verboten, seit ein amerikanisches Fotomagazin Aufnahmen mit schwarzen Models gemacht hat, die den Gläubigen zu heikel waren. Doch von den Dächern der gegenüberliegenden Häuser eröffnet sich ein berauschender Blick auf Moschee und Markt – natürlich gegen ein ordentliches Trinkgeld.

Der Montagsbasar vor der Moschee ist wie eine Inszenierung. Frauen in stattlichen Trachten, hunderte Marktstände mit Früchten, Baumwolle, Hühnern und Tüchern; oft ist das Angebot auf dem Boden ausgebreitet. Dicht gedrängt sitzen die Händler, leichter Rauch von Holzkohlekochern hängt über dem Platz, einzelne Bäume bieten Schatten. Überbordend bunte Gewänder schmücken die Händlerinnen, reich verziert; stolz und erhaben tragen die Kundinnen ihren Einkauf auf dem Kopf nach Hause.

Kurz vorm Sonnenuntergang fahre ich zurück – und jetzt belegen die Mitbringsel der Passagiere auch den letzten Fußraum des Sammeltaxis. Ich setze mich daher auf die Kante der Ladefläche, lasse die Beine baumeln und genieße den Fahrtwind, nur unterbrochen durch das Abbremsen des Autos an den Buckeln und das verschämte Herausgeben eines kleinen, geldwerten Passierscheins. Offenbar erhält kein Staatsdiener regelmäßig sein Gehalt. Mich fragt zum Glück niemand mehr nach meinem Reisepass.